Ausschnitte eines Berichts der Kommission "Sport" der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland vom 03.11.2000

Schule und Leistungssport

- Verbundsysteme in den Ländern -

Bericht über den Entwicklungsstand der pädagogischen Betreuungsmaßnahmen für jugendliche Leistungssportlerinnen und Leistungssportler im Rahmen der Kooperationsprojekte „Sportbetonte Schule“ und „Partnerschule des Leistungssports“ in den Ländern


Grußwort

Die Nachwuchsförderung steht nach den Olympischen Sommerspielen 2000 in Sydney im Mittelpunkt der sportpolitischen Diskussion über die Zukunft des Spitzensports in Deutschland. Einen hohen Stellenwert für die Weiterentwicklung der Nachwuchsförderung hat die Kooperation von Schule und Leistungssport.

Beinahe 95 % aller Nachwuchssportlerinnen und Nachwuchssportler der Sportfachverbände leben in einem Spannungsfeld, das durch hohe schulische Anforderungen, in der Regel tägliches Training, oft wochenlange zentrale Wettkampfreisen und damit wenig Zeit für Freundeskreis und Familie geprägt ist. Daher ist es wichtig, diesen jugendlichen Sporttalenten bei der Bewältigung der Doppelbelastung von Schule und Leistungssport so umfangreiche Hilfen zukommen zu lassen, dass sie gezielt und systematisch für die Erringung nationaler und internationaler Erfolge vorbereitet werden und gleichzeitig die angestrebten Bildungsabschlüsse erreichen können.

Das Engagement der Jugendlichen im Leistungssport darf nicht zu schlechterer Schulbildung, geringerem Ausbildungsniveau und damit schlechteren Berufschancen führen, als das ohne Leistungssport der Fall gewesen wäre. Nur für wenige Spitzensportlerinnen und Spitzensportler bedeuten Erfolge im Sport lebenslang auch Kompensation für eine schlechtere Ausbildung, weil sie eine berufliche Stellung im Sportsystem oder in der Sportbranche finden.

Daher begrüße ich das Engagement des Deutschen Sportbundes in der Zusammenarbeit mit den Sportfachverbänden und den Schulen in den Ländern, die weitere Ausgestaltung des Verbundsystems von Schule und Leistungssport mit hoher Priorität zu verfolgen.

Die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland hat daher die Kommission „Sport“ beauftragt, den Stand der Entwicklung dieses Verbundsystems in den Ländern zu dokumentieren und die wesentlichen Merkmale und Ziele der in den Ländern existierenden Kooperationsprojekte „Sportbetonte Schule“ und „Partnerschule des Leistungssports“ herauszuarbeiten.

Die vorliegende Dokumentation skizziert den bundesweiten Entwicklungsstand dieser beiden Kooperationsprojekte und formuliert konzeptionelle Positionen und konkrete Merkmale. Die weitere Ausgestaltung des Verbundsystems soll sich vor dem Hintergrund der in den Ländern bestehenden Rahmenbedingungen an den genannten Zielen und Positionen orientieren. Dies setzt voraus, dass die Kultus- und Sportbehörden sowie Landessportbünde und Sportfachverbände und weitere unterstützende Partner in den Ländern bei der Verwirklichung des Förderkonzepts verlässlich zusammenwirken.

Ich danke allen Partnern in den Sportorganisationen und in den Kultus- und Sportbehörden der Länder für ihre Bemühungen um die Unterstützung unserer jugendlichen Leistungssportlerinnen und Leistungssportler auf deren Weg zu sportlichen Erfolgen und angestrebten Bildungsabschlüssen.

Die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland wird auch zukünftig die Zusammenarbeit der Schulen und Schulbehörden mit den Sportvereinen und Sportfachverbänden mit voller Kraft unterstützen.

Willi Lemke

Präsident der Ständigen Konferenz
der Kultusminister der Länder in der
Bundesrepublik Deutschland

(...)

II. Folgerungen und Perspektiven

1.     Ziele der pädagogischen Betreuungsmaßnahmen für jugendliche Leistungs-sportler/-innen

Im Rahmen der Weiterentwicklung des Leistungssports in Deutschland bildet die Nachwuchsförderung einen besonderen Schwerpunkt. Ein bedeutendes Element für die jugendlichen Sporttalente auf dem Weg zum Leistungssport ist die Unterstützung durch die Schule. Der angestrebte schulische Abschluss darf durch sportliche Belastungen nicht gefährdet werden. Insoweit nehmen die Kooperationsmaßnahmen von Schule und Leistungssport im nationalen System des Nachwuchsleistungssports eine Schlüsselstellung ein. Die konzentrierte Weiterentwicklung dieser Partnerschaft im Hinblick auf eine erhöhte Wirksamkeit der Nachwuchsförderung wird in den Ländern verfolgt.

Die zentrale Zielstellung der Nachwuchsförderung in der Kooperation von Schule und Leistungssport ist die Sicherstellung der bestmöglichen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen in sportlicher und schulischer wie auch sozialer und persönlicher Hinsicht. Der Nachwuchsleistungssport ist gekennzeichnet durch kontinuierlich wachsende Umfänge des sportlichen Trainings, den stetigen Anstieg der schulischen Verpflichtungen und die gleichzeitige Zunahme des notwendigen Aufwandes für ergänzende schulische Betreuungsmaßnahmen zur Sicherstellung der Schullaufbahn der jugendlichen Leistungssportlerinnen und Leistungssportler insbesondere in den Phasen des Aufbau- und Anschlusstrainings.

Mit dem Ziel, die bestmögliche ganzheitliche Entwicklung der Sporttalente zu gewährleisten, hat sich bundesweit eine Vielzahl unterschiedlicher Verbundsysteme von Schule und Leistungssport herausgebildet. Als die erfolgreichsten - und folglich gezielt weiterzuentwickelnden - Modelle haben sich in systematischer Zusammenarbeit mit den Sportvereinen, -verbänden und Olympiastützpunkten die Kooperationsprojekte „Sportbetonte Schulen“ (stets mit Teil- und Vollinternat) und die Kooperationsprojekte „Partnerschule des Leistungssports“ mit (Teil-und/oder Vollinternate) *) herauskristallisiert (siehe Teil I). Diese beiden Verbundsysteme werden auch zukünftig im Mittelpunkt aller Initiativen in den Ländern bei der Umsetzung der gemeinsamen Ziele von Deutschem Sportbund, Sportministerkonferenz und Kultusministerkonferenz stehen, die in den Empfehlungen der KMK zur Weiterentwicklung der Talentsuche und Talentförderung in den Ländern (1997) und im
Nachwuchs-Leistungssport-Konzept des DSB (1998) formuliert sind.

*) Baden-Württemberg: Kooperationsprojekt „Partnerschule der Olympiastützpunkte“

Daneben gibt es eine Vielzahl von Kooperationsformen zwischen Sportvereinen und/oder -verbänden mit Partnerschulen, in die keine Teil- oder Vollinternate eingebunden sind und die deshalb nur eingeschränkte Möglichkeiten zur Unterstützung durch eine verbesserte zeitliche Koordination von Schule und Leistungssport im Altersbereich des Aufbau- und Anschlusstrainings haben. Dort stehen die Zielstellungen für Kinder und Jugendliche den Einstieg in ein kontinuierliches Training und die Einbindung von Talenten in leistungsportorientierte Vereins- und Verbandsstrukturen zu erleichtern, im Mittelpunkt.
 
 

2.    Konzeptionelle Voraussetzungen

Das Erreichen der genannten Ziele ist gebunden an die bestmögliche Erfüllung verschiedener Aufgaben in der Kooperation von Leistungssport und Schule:

  • sportliche Ausbildung,
  • schulische Ausbildung,
  • Abstimmung und Verzahnung dieser Bereiche (Stundenplangestaltung, Trainings- und Wettkampfmaßnahmen u.a.) sowie deren Förderung,
  • Möglichkeiten der Beratung und Betreuung (z.B. Hausaufgaben, Stütz- und Förderunterricht gegebenenfalls auch bei zentralen Maßnahmen der Sportfachverbände außerhalb des Schulortes), des Wohnens, der Verpflegung und der Freizeitgestaltung (mit der zugehörigen Betreuung im Sportinternat) sowie gegebenenfalls individuelle Unterstützung,
  • wissenschaftliche Begleitung.


Diese Aufgaben können weder durch die Schule noch den Sport allein hinlänglich geleistet werden. Entscheidendes Kriterium für die Erfolgsperspektive eines Kooperationsprojektes ist der enge Verbund und die Verbindlichkeit der Partnerschaft: Es wird angestrebt, dass gemeinsam zwischen Leistungssport und Schule abgestimmte Konzeptionen durch ihre komplementären Beiträge, die sich an den jeweiligen Möglichkeiten der Partner des Sports (vor allem Verein, Stützpunkt, Landes- und Spitzenfachverband, Landesausschuss für Leistungssport des Landessportbundes und Olympiastützpunkt) und der Schule ausrichten, umgesetzt werden.

Die Inhalte und Strukturen der Nachwuchsförderung werden konsequent aus den Anforderungen der Schule und der sportart-, geschlechts- und altersspezifischen Trainingssysteme differenziert hergeleitet. In der sportlichen Ausbildung in den Etappen des Kindes- und Jugendalters gibt es zwischen den verschiedenen Sportarten erhebliche Unterschiede.

Sämtlichen Sportarten und Disziplinen ist aber gemein, dass das Nachwuchstraining durch die Kumulation der erforderlichen Trainingsumfänge gemäß Rahmentrainingsplänen der Spitzenfachverbände im Bereich des Aufbau- und Anschlusstrainings gekennzeichnet ist. In dieser Ausbildungsphase befindet sich die Mehrheit der Leistungssportlerinnen und -sportler in der Sekundarstufe II. Sie sind gleichzeitig auch mit umfangreichen schulischen Anforderungen konfrontiert.

Der Komplex notwendiger Maßnahmen für die bestmögliche Ausbildung, Betreuung und Förderung der Sporttalente ist innerhalb der Kooperation von Schule und Leistungssport an einem Standort nicht für alle Sportarten zu gewährleisten. Deshalb erfolgt eine Konzentration auf die Schwerpunkt-Sportarten der Region unter Ausrichtung an ihren Regionalkonzepten. Für Talente aus Sportarten, die nicht zu den Schwerpunktsportarten in der Region gehören, werden Möglichkeiten für betreuende Maßnahmen an anderen Standorten angeboten.

Mittelfristige Zielstellung ist die Etablierung eines bundesweiten Netzes von Kooperationsprojekten „Sportbetonte Schulen“ und „Partnerschule des Leistungssports“. Das Erreichen dieser Ziele wird wesentlich auch von der Initiativkraft der Sportorganisationen - im Hinblick auf ideelle und materielle Förderung - bestimmt sein.
 

3.    Umsetzungsziele, Aufgabenverteilung und Merkmale für die Weiterentwicklung in den Ländern
        (9-Punkte-Katalog)

Für die bundesweite Weiterentwicklung der Partnerschaften von Schule und Leistungssport sind insbesondere diejenigen Merkmale relevant, die den Erfolg der vorgenannten Kooperationsprojekte maßgeblich bestimmen.

Nachfolgend werden 9 Merkmalsbereiche genannt, die im Rahmen gemeinsamer Strategien und Maßnahmen von DSB und KMK, der regionalen Partner in Schule und Sportorganisationen sowie der Partner am jeweiligen Standort zur effektiven Weiterentwicklung des nationalen Netzes von Kooperationsprojekten „Sportbetonte Schulen“ und „Partnerschulen des Leistungssports“ als vorrangige Ziele angesehen werden.

Diese Merkmale zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Erfolg der Projekte der Zusammenarbeit von Leistungssport und Schule maßgeblich bestimmen. Sie werden jeweils bereits an einzelnen Standorten erfolgreich realisiert. Ihre flächendeckende, bundesweite Umsetzung befindet sich im Aufbau.

Diese Merkmale sind:

3.1 Aufnahmekriterien

Sportliche Eignung einschließlich der sportmedizinischen Unbedenklichkeit und die schulische Eignung für den betreffenden Bildungsgang.

3.2 Räumliche Bündelung von Sport, Schule und Betreuungs-/Wohnbereich

Zur Gewährleistung einer regionalen und überregionalen Wirkung der Kooperationsprojekte sind Hausaufgabenbetreuung, Förder-/Stützunterricht, Freizeitgestaltung und Wohnen mit entsprechender Betreuung erforderlich. Dies wird durch die Einrichtung von Teilinternaten als verbindende Elemente von Sportbetonten Schulen/Partnerschulen des Leistungssports und Leistungsstützpunkten/Olympiastützpunkten in einer Region zunehmend sichergestellt. Sofern ein Kooperationsprojekt überregional bzw. landes- oder bundesweit angelegt ist, werden Wohnmöglichkeiten z.B. Vollinternate, Häuser der Athleten, Gast- und Patenfamilien vorgehalten. Beide Betreuungsformen sind in der Regel in enger räumlicher Nähe zu den sportlichen
und schulischen Ausbildungsstätten angeordnet.

Zu den Aufgaben der Landes- und Spitzenverbände in der Kooperation mit der Schule gehört es vor allem in den Schwerpunkt-Regionen der jeweiligen Sportart, auf die Konzentration der Talente an den betreffenden Standorten und Schulen hinzuwirken. Dies geschieht in erster Linie durch gezielte Informationen und Empfehlungen an die Sporttalente und deren Eltern hinsichtlich besonders geeigneter Standorte sowie des Zeitpunktes für einen eventuell notwendigen Orts-/ Schulwechsel. Der Übergang wird in enger Zusammenarbeit zwischen der Sportlerin/dem Sportler, den Eltern, den Sportvereinen, den Landes- und ggf. Spitzenfachverbänden, den Olympiastützpunkten, den Schulen und der Schulverwaltung organisiert.

3.3 Koordination der schulischen und sportlichen Anforderungen

Die zeitliche Abstimmung der schulischen und sportlichen Höhepunkte wie Klassenarbeiten/Klausuren/Prüfungen einerseits und Trainings-/Lehrgangs-/Wettkampfmaßnahmen andererseits unter Beachtung der individuellen Bedürfnisse (Familie, Freundeskreis, Freizeit) ist unverzichtbar.

3.4 Mehrmaliges tägliches Training

Regelmäßige sportartenspezifische Trainingseinheiten am Vormittag in den betreffenden Sportarten durch entsprechende Stundenplangestaltung bzw. Training u.a. im Rahmen des Schulsports (in der Regel ergänzend zum Sportunterricht) unterstützen eine kind- und jugendgemäße Trainingsgestaltung.

3.5 Flexible Regelungen während der Schullaufbahn

Flexible Regelungen der Verweildauer in den Bildungsgängen der Sekundarstufen I/II unter vollständiger Ausschöpfung der schulrechtlichen und -organisatorischen Möglichkeiten zur Entzerrung von zeitlichen Anforderungen sind anzustreben.

3.6 Sportprofile: Sportklassen, Sportkurse, Sportzüge

Sportklassen, -kurse und -züge als Organisationsformen unterstützen die in Ziff. 3, 4 und 5 beschriebenen Merkmale.

3.7 Einsatz hoch qualifizierter Trainerinnen und Trainer

Es ist anzustreben, dass bei Neueinstellungen von Lehrkräften an den Sportbetonten Schulen und Partnerschulen des Leistungssports bei gleicher Qualifikation und bedarfsgemäßer Fächerkombination diejenigen mit höchster Trainerqualifikation und mit besonderen Erfahrungen im Jugendwettkampfsport, insbesondere in den Schwerpunktsportarten, vorrangig berücksichtigt werden.

Es ist anzustreben, dass Nachwuchs-Bundestrainer/-innen in Maßnahmen der Kooperationsprojekte einbezogen werden.

3.8 Wissenschaftliche Begleitung

Neben der sozialen und pädagogischen Betreuung ist für Kaderathletinnen und -athleten die gezielte Akzentuierung, insbesondere trainingswissenschaftlicher und sportmedizinisch-physiologischer Leistungsdiagnostik und Trainingssteuerung zu gewährleisten. Hierfür stehen die Einrichtungen der Olympiastützpunkte zur Verfügung.

3.9 Regionales Koordinationsgremium

Die erfolgreichsten Kooperationsprojekte „Sportbetonte Schulen“ und „Partnerschule des Leistungssports“ zeichnen sich mehrheitlich durch Koordinierungs- und Umsetzungsgremien mit Vertretern der Schulleitungen (ggf. auch Internatsleitungen
und Schulbehörden) sowie der Landesfachverbände, der Landesausschüsse für Leistungssport der Landessportbünde sowie der Olympiastützpunkte u.a. aus.
 

Zur erfolgreichen Umsetzung der o.g. Merkmale bietet es sich an, ein Koodinationsgremium einzurichten. Diesem Gremium sollten grundsätzlich angehören:

Vertreter/-innen
- der Schulleitung
- der Internatsleitung
- der Athleten/-innen
- der Eltern
- der Trainer/-innen
- die Schulbehörde
- der Landesfachverbände
- des Landesausschusses für Leistungssport
- des Olympiastützpunktes.

4.    Ausblick

Für eine effiziente Weiterentwicklung der Förderung jugendlicher Leistungssportlerinnen und -sportler in enger Zusammenarbeit von Leistungssport und Schule stellen die genannten konzeptionellen Positionen und konkreten Merkmale der Kooperationsprojekte „Sportbetonte Schule“ und „Partnerschule des Leistungssports“ notwendige Bedingungen für eine
erfolgreiche Arbeit dar. Es wird angestrebt, diese Kooperationsprojekte auf diese Merkmale hin vor dem Hintergrund der in den Ländern bestehenden Rahmenbedingungen weiterzuentwickeln. Dies setzt voraus, dass die Kultus- und Sportbehörden sowie Landessportbünde/ Sportfachverbände, Olympiastützpunkte und weitere unterstützende Partner bei der Verwirklichung des Förderkonzeptes verlässlich zusammenwirken.

(...)